Sciopero ist wohl eines der wichtigsten italienischen Wörter. Schon in meinen diversen Sprachkursen (TU Graz, EILC in Perugia, Treffpunkt Sprachen KFU) wurde ich jedes Mal von Neuem auf die Wichigkeit dieses Worts hingewiesen.
Man könnte sciopero schlicht und ergreifend mit Streik übersetzen. Dabei handelt es sich aber dann ganz klar um einen Übersetzungs- oder besser Interpretationsfehler. Das Wort selbst kann auch Google übersetzen, was dabei allerdings komplett verloren ginge, wäre die Bedeutung.
Doch zuerst noch ein paar Worte zum Wort Streik. Im deutschen Sprachraum quasi eine Ausnahme (um nicht Ausnahmezustand zu sagen), ist der Streik ein Mittel um auf sich (meistens Gruppierungen mit eigenen Interessen) und seine Probleme aufmerksam zu machen. Meistens werden zeitgleich Demostrationen organisiert, um dem Unmut über die bestehende unerträgliche Situation noch deutlich Ausdruck zu verleihen. Streik ist also etwas Besonderes, ja, etwas Seltenes.
Anders der sciopero, der erstens den italienischen Alltag mitbestimmt und zweitens durch seine Häufigkeit eher einem Stilmittel gleicht, als dem Ausdruck von Empörung! Heute zum Beispiel betrifft er die mezzi pubblici (öffentliche Verkehrsbetriebe). Bereits zum zweiten Mal in den letzten 2 Wochen sind sich die Angehörigen der CGIL so einig, dass ein Generalstreik in den meisten großen Städten, samt der ferrovie dello stato (Bundesbahnen) und des Flugpersonals in ganz Italien stattfindet. Es handelt sich, wie ich bei meiner Recherche feststellte bei der CGIL (Confederazione Generale del Lavoro), um das Pendant zu unserer Gewerschaft. Wieder würde es sich bezüglich Streikfreude um einen Übersetzungsfehler im klassischen Sinn handeln.
Was dabei auch sehr lustig und wie ich vermute anders als im deutschen Sprachraum ist, ist, dass die scioperi jeweils in gewissen Zeiträumen stattfinden, also z.B in Torino zwischen 17.45 und 22.00 Uhr. In Roma hingegen von 9.30 bis 13.30. Im Falle des Eisenbahn- und Flugverkehrs gibt es zwei Fenster hintereinander, sodass man bis 14.00 Uhr nicht fliegen und ab 14.00 Uhr nicht mit dem Zug fahren kann. Irgendwie fair, ausser wenn man ein Interrailticket gekauft hat
(dazu folgt ein weiterer Artikel)
Hier ist glaube ich ein guter Platz, den Auslöser für diesen Artikel kund zu tun. Ich wollte heute um 14.00 mit der Frecciarossa von Roma nach Torino fahren, Ankunft 18.30 Uhr. Damit hätte ich mir die volle Breitseite an sciopero gegeben.
9.30 – 13.30 Uhr in Rom die Autobusse
14.00 – 18.00 Uhr Ferrovie, die in diesem Zeitraum zwar fahren, aber für nichts garantieren
17.45 – 22.00 Uhr in Torino die Öffentlichen.
Und auch wenn ich Abenteuern offen gegenüberstehe, wäre mir das als Wochenendvergnügen doch zu unentspannt gewesen. Ich habe also auf morgen umgebucht. Auch wenn ich damit einen Tag Wochenende und Fortgehen verliere, habe ich so wohl mehr davon!
Die Vorstellung irgendwo zwischen meiner und Fabios Wohnung zu sitzen und nicht vom Fleck zu kommen, stellte ich mir doch unromantisch vor. Auch wenn das Erlebnis sicher ein interessanter oder besser unterhaltsamer Artikel für den Blog geworden wäre, bin ich in diesem Fall froh, mir das Erlebnis zu sparen.
Auch wenn nach dem Lesen dieses Artikels vermutlich einige meinen, “recht gschieht’s ihm”, “wieso zieht er auch nach Italien”, “das hätte er doch vorher wissen müssen…” kann ich nur entgegnen, in der Theorie, ja, aber in der Praxis ist das etwas ganz anderes. Und das gute an der ‘sciopero-bedrohung’ ist, dass man sich eine Dynamik und Flexibilität zueigenmacht, die in der Arbeitswelt sehr gefragt ist


Weils zum Thema sciopero irgenwie passt:
Es wär ganz interessant, einen Bericht der Berlusconi-Hysterie und – Demonstrationen zu bekommen !?
Saluti
PE
habe bis jetzt diesbezüglich noch nicht viel mitbekommen, werde aber schauen, zu Informationen und Erlebnissen zu kommen und diese hier gerne kundtun! Momentan ist allerdings Regional-Wahlkampf. Werde schauen, was sich da tut. Danke auf jeden Fall für die Anregung!!!